Wehrdienst in Deutschland als Resilienzhebel: Warum Freiwilligkeit allein nicht abschreckt

Deutschland diskutiert den Wehrdienst erneut – nicht als Traditionsfrage

Wehrdienst in Deutschland als Resilienzhebel: Warum Freiwilligkeit allein nicht abschreckt

Deutschland diskutiert den Wehrdienst erneut – nicht als Traditionsfrage

Wehrdienst in Deutschland als Resilienzhebel: Warum Freiwilligkeit allein nicht abschreckt

Deutschland diskutiert den Wehrdienst erneut – nicht als Traditionsfrage

Wehrdienst_Soldaten
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Die gegenwärtige Debatte in Deutschland über den Wehrdienst ist nicht als Traditionsdiskussion zu verstehen, sondern fungiert vielmehr als Indikator für die Mobilisierungsfähigkeit, die Bindung von Reservistinnen und Reservisten sowie die gesellschaftliche Krisenkompetenz. Im Kontext einer domänenübergreifenden Abschreckungsstrategie (Cross-Domain Deterrence, CDD) ist dabei von zentraler Bedeutung, ob sich daraus eine nachweisbare „Denial-Fähigkeit“ und ein glaubwürdiges Signalverhalten ableiten lassen oder ob es sich lediglich um ein politisches Symbol handelt.

In Europa galt die Wehrpflicht über viele Jahre hinweg als ein Auslaufmodell und wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten häufig als ein „obsolescent model“ der Sicherheitspolitik betrachtet. Nach der Annexion der Krim durch Russland und dem Krieg in der Ukraine hat die Debatte jedoch eine Renaissance erfahren. Für Deutschland ist dabei von zentraler Bedeutung, ob der Wehrdienst verbindlich und in seiner Ausgestaltung skalierbar ist, um Mobilisierung und Reservistenfähigkeiten effektiv zu gewährleisten. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit der Gesellschaft, nach Schocks und Krisen rasch wieder handlungsfähig zu werden. Nur unter diesen Voraussetzungen steigt die Abschreckungswirkung durch Verweigerung des Erfolgs („deterrence by denial“) und das außenpolitische Signal gewinnt an Glaubwürdigkeit. Bleibt der Output hingegen unter den angestrebten Zielwerten, reduziert sich die Freiwilligkeit strategisch auf eine Absichtserklärung ohne tatsächliche Substanz.

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Unsere Leitfrage lautet: Unter welchen Bedingungen kann eine (teilweise) verpflichtende Wehrpflicht in Deutschland zur gesamtgesellschaftlichen Abschreckung und damit zur Verteidigung beitragen – und weshalb ist ein freiwilliger Wehrdienst hierfür voraussichtlich nicht ausreichend?

Unsere erste Ausgabe AK1 (Kurzanalyse Kompakt) bewertet den Wehrdienst nicht als bloße Personalmaßnahme, sondern als grundlegenden Baustein einer deutschen Cross-Domain-Deterrence-Grand-Strategy (Multi-Domänen-Abschreckungsstrategie). Die Mobilisierungsfähigkeit sowie die gesellschaftliche Resilienz bilden dabei die praktische Basis für Abschreckung durch Erfolgsverweigerung, das heißt die Verminderung des Angriffs­erfolgs. Abschreckung entsteht in diesem Verständnis nicht durch eine bloße Erhöhung der Anzahl der Dienstleistenden, sondern dadurch, dass ein potenzieller Gegner einkalkulieren muss, dass schnelle Erfolge unwahrscheinlich sind.

Mobilisierung funktioniert, kritische Funktionen bleiben dauerhaft erhalten, und die Gesellschaft bleibt auch unter Stress handlungs- und wiederherstellungsfähig. Ein freiwilliger Wehrdienst kann zu dieser Wirkung beitragen – jedoch nur, wenn er zuverlässig eine ausreichende Widerstandsfähigkeit erzeugt. Dies setzt geübte Reserven, klar angebundene Strukturen sowie eine Übungsrealität voraus, die Mobilisierung und Krisenbetrieb tatsächlich ermöglicht. Bleibt dieser Output aus, wird Freiwilligkeit strategisch zu einer Wette auf Durchsatz und kann nach außen als „Signal ohne Substanz“ wahrgenommen werden.

Nichtsdestotrotz entsteht der Abschreckungswert nicht durch die bloße Existenz einer „Pflicht an sich“, sondern vielmehr durch Faktoren wie Verbindlichkeit, Ausbildungsqualität, Reservebindung und regelmäßige Übungen. Der Begriff der Resilienz wird dabei bewusst weiter gefasst als der reine Kriegsfall: „Effiziente Krisenbewältigung“ umfasst ebenso Terrorlagen, Extremwetterereignisse sowie schwerwiegende Störungen kritischer Infrastrukturen. In solchen Situationen kann der Wehrdienst einen zivil nutzbaren Fähigkeitsbestand schaffen, der Fähigkeiten wie Improvisation, logisches Denken in der Logistik, Organisation unter Ressourcenknappheit und ein stabiles Handeln in Krisenlagen umfasst. Internationale Vergleichsfälle verdeutlichen zwei zentrale Gestaltungsebenen: Erstens entscheidet die Dienstlänge beziehungsweise die Tiefe der Ausbildung darüber, ob der Wehrdienst lediglich eine symbolische Grundbefähigung vermittelt oder tatsächlich Kompetenz und einen Reservewert generiert. Zweitens entfaltet der Wehrdienst seine stärkste Wirkung dort, wo er in ein Gesamtsystem aus Mobilmachungsorganisation, Reservearchitektur und gesellschaftlicher Vorsorge eingebettet ist. AK1 übersetzt diese Erkenntnisse in einen politischen Arbeitsauftrag: Es wird eine Messlogik mit wenigen, klar definierten Indikatoren vorgeschlagen, aus der eine Handlungsempfehlung abgeleitet wird. Demnach muss die Bundesregierung, parlamentarisch legitimiert, auf verbindliche Auswahl- oder Pflichtmechanismen zurückgreifen, sofern ein freiwilliges Modell definierte Zielwerte verfehlt, damit der Wehrdienst im Rahmen eines Multi-Domänen-Abschreckungsmodells tatsächlich abschreckend wirkt.

Problemdefinition: Resilienz als Abschreckung

Deutschlands Verwundbarkeit besteht derzeit weniger in einem Mangel an militärischer Stärke an einer möglichen Front, sondern vielmehr in der Anfälligkeit eines hochgradig vernetzten Gemeinwesens gegenüber Störungen unterhalb der Kriegsschwelle. Dazu zählen Sabotageakte, Cyberangriffe, Desinformationskampagnen, Terroranschläge, Extremwetterereignisse, Unterbrechungen von Lieferketten sowie komplexe Mehrfachkrisen. In solchen Situationen verfolgt der Gegner häufig nicht das Ziel einer militärischen Entscheidungsschlacht, sondern strebt vielmehr eine gesellschaftliche und damit politische Handlungsunfähigkeit an. Eine gezielte gesellschaftliche Polarisierung sowie die Erosion des Vertrauens in Staat und Institutionen sind dabei zentrale Absichten. Wer das Entscheidungszentrum lähmt, kann seine Ziele erreichen, ohne einen offenen Krieg zu erklären. In diesem Zusammenhang gewinnt die strategische Bedeutung von Resilienz besondere Relevanz.

Cross-Domain Deterrence, also die domänenübergreifende Abschreckung, basiert auf der Erkenntnis, dass Abschreckung nicht allein durch militärische Gegenmacht entsteht. Vielmehr beruht sie auf einem System, das sowohl die Verweigerung des Erfolgs (deterrence by denial) als auch, wenn erforderlich, die Androhung von Kosten (deterrence by punishment) über verschiedene Domänen hinweg umfasst. In diesem Zusammenhang ist Resilienz kein bloßes innenpolitisches „weiches“ Thema, sondern ein zentraler Verteidigungsmechanismus. Eine Gesellschaft, die in der Lage ist, Schocks zu absorbieren, kritische Funktionen stabil aufrechtzuerhalten und sich rasch von Krisen zu erholen, macht Angriffe strategisch weniger attraktiv. Dadurch sinkt der erwartete Nutzen für den Angreifer, während die Dauer und Unsicherheit eines Angriffs zunehmen. Dies führt zu einer erhöhten Schwelle für eine militärische Eskalation.

Die zentrale Fragestellung für Deutschland lautet demnach: Wie kann Resilienz derart konkret und verlässlich gestaltet werden, dass sie von potenziellen Gegnern als tatsächliche Erfolgsverweigerung in deren strategische Kalküle einbezogen wird? Nach Jahrzehnten, in denen die sicherheitspolitische Ausrichtung vor allem auf Professionalität, Effizienz und Auslandseinsätze fokussiert war, hat sich die „menschliche Infrastruktur“ für Mobilisierung und Krisenbewältigung im Inland deutlich reduziert. Dies zeigt sich in einer geringeren flächendeckenden Routine, einer abnehmenden Reservebindung sowie einem Rückgang gesellschaftlich verankerter Krisenkompetenzen. Vor diesem Hintergrund untersucht AK1, ob und in welcher Form Wehrdienst beziehungsweise Wehrpflicht als integraler Bestandteil eines umfassenden Gesamtverteidigungs- und Resilienzkonzepts diese Defizite ausgleichen kann. Dabei wird Wehrdienst nicht als Selbstzweck betrachtet, sondern als ein Baustein, der sowohl die Abschreckungsfähigkeit als auch das glaubwürdige Signaling gegenüber potenziellen Gegnern stärkt.

Lage & Kontext: WDModG 2025 als Schritt zum Wehdienst

Deutschland plant für 2025/26 keinen abrupten Wiedereintritt in die Wehrpflicht, die seit 2011 ausgesetzt ist, sondern verfolgt einen gestuften Ansatz. Der neue Wehrdienst basiert zunächst auf Freiwilligkeit, während gleichzeitig die notwendigen Verwaltungs- und Erfassungsstrukturen wieder etabliert werden, die eine Mobilisierung im Bedarfsfall ermöglichen. Dieses Vorgehen ist politisch anschlussfähig, da es die Schwelle für eine sofortige Einberufung vermeidet, jedoch sicherheitspolitisch von Bedeutung bleibt. Dadurch wird die Bundeswehr in die Lage versetzt, einen Jahrgang systematisch zu erfassen, zu prüfen und im Krisenfall schneller zu mobilisieren.

Kern des Wehrdienstmodernisierungsgesetzes (WDModG) ist die Einführung eines „neuen attraktiven Wehrdienstes“, der ab Anfang 2026 mittels eines standardisierten Fragebogens die Eignung und Bereitschaft aller 18-Jährigen erfasst: Alle 18-jährigen Männer und Frauen erhalten diesen Fragebogen. Männer sind zur Beantwortung verpflichtet, Frauen können freiwillig teilnehmen. Parallel wird die Musterung für die wehrpflichtigen Männer wieder verpflichtend eingeführt, zunächst für die nach 2008 geborenen Jahrgänge, wobei die Umsetzung schrittweise erfolgt, um die erforderlichen Kapazitäten aufzubauen. Der Dienst selbst bleibt vorerst freiwillig. Verteidigungsminister Pistorius hat diese Bedingung politisch bewusst formuliert: Der Wehrdienst bleibt freiwillig, “solange” das Modell ausreichend funktioniert.

Strategisch von zentraler Bedeutung ist, dass das Gesetz eine skalierbare Wehrdienstarchitektur etabliert: Es schafft einen belastbaren Daten- und Eignungspool, implementiert Verfahren zur Erfassung und Musterung und erhöht die Reaktionsgeschwindigkeit für den Fall einer Zuspitzung der Lage oder eines steigenden Personalbedarfs. Gleichzeitig liegt die Schwelle zur Pflicht hoch: Eine tatsächliche (Teil‑)Wehrpflicht würde nicht automatisch in Kraft treten, sondern bedürfte eines gesonderten politischen Beschlusses, nämlich der separaten Zustimmung beziehungsweise Entscheidung des Bundestages. Auch dies ist Teil des Konzepts, da es die Option offenhält, ohne die Entscheidung vorwegzunehmen.

Für die Bewertung im Rahmen der CDD ergibt sich daraus eine Ambivalenz, die in diesem Analyse Kompakt ausdrücklich thematisiert wird: Als Phase-0-Maßnahme kann das Wehrdienstmodernisierungsgesetz (WDModG) sinnvoll sein, da es die Mobilisierungsfähigkeit technisch wiederherstellt. Als Element der Abschreckung ist es jedoch erst dann belastbar, wenn aus dem freiwilligen Einstieg verlässliche Ergebnisse resultieren oder wenn frühzeitig ein demokratisch legitimierter Auslösemechanismus vorbereitet wird, der im Falle einer Zielverfehlung oder einer verschärften Lage glaubwürdig und zügig in verbindliche Auswahl- und Pflichtmechanismen überführt. Andernfalls bleibt dieser Schritt für Gegner kalkulierbar „unentschieden“: Er signalisiert Absicht, bietet jedoch keine Garantie für Durchsetzung, Reservebindung und Übungsrealität – und genau diese Garantie bildet den Kern gesamtgesellschaftlicher Abschreckung und Verteidigung.


Wirklogik: Wie Wehrdienst Denial erzeugt (Mobilisierung + Krisenkompetenz)

Im Rahmen des CDD gilt Resilienz als eine Form des Erfolgsverzichts, sofern sie systematisch die Chancen und Kosten des Gegners in dessen Kalkulation verschlechtert. Resilienz wird demnach nicht als ein bloßer „Wohlfühlbegriff“ verstanden, sondern als Ausdruck von Robustheit, Wiederherstellungsfähigkeit und Funktionssicherheit unter Stressbedingungen – also als die Fähigkeit, Störungen standzuhalten. Ziel ist es, eine schnelle Stabilisierung zu ermöglichen und zentrale staatliche Leistungen auch unter Druck aufrechtzuerhalten. In diesem Zusammenhang gewinnt Resilienz eine abschreckungslogische Bedeutung: Sie reduziert den erwarteten Nutzen hybrider Angriffe und erhöht die Unsicherheit darüber, ob ein solcher Angriff überhaupt erfolgreich sein kann.

Der Wehrdienst ist in dieser Logik als ein kontinuierlicher Prozess zu verstehen, nicht als eine Momentaufnahme. Entscheidend ist die Verbindung von der Zivilgesellschaft über eine grundlegende militärische Befähigung bis hin zur Reservebindung. Hinzu kommt ein belastbarer Übungsrhythmus, der die Krisenfähigkeit stärkt. Da die Details des Wehrdienstmodulgesetzes (WDModG) noch nicht abschließend festgelegt sind, arbeiten wir bewusst mit zwei grundlegenden Annahmen: Erstens verlassen die Absolventinnen und Absolventen den Dienst mit einer militärischen Grundbefähigung, die Selbstschutz- und Sicherheitskompetenzen einschließt; eine echte Einsatzfähigkeit entsteht jedoch erst durch die Reservebindung. Zweitens erwerben sie praktische Resilienzfähigkeiten, ein Verständnis für organisatorische Abläufe, Kompetenzen in Reparatur und Improvisation, Grundlagen der Logistik, Erste-Hilfe-Kenntnisse sowie die Fähigkeit, unter Ressourcenknappheit und Stress zu agieren.

Aus dieser Verbindung resultiert Abschreckung durch Erfolgsverweigerung, die sich über drei Wirkmechanismen entfaltet. Erstens wird der Verzicht auf Erfolg durch den Wehrdienst gestärkt, indem Mobilisierung und der Schutz kritischer Knotenpunkte gewährleistet werden. Vorausgesetzt, dass Reservekräfte verlässlich verfügbar sind, um Heimatschutz- und Objektschutzaufgaben – einschließlich des Schutzes kritischer Infrastruktureinrichtungen – flächendeckend zu übernehmen, erschwert dies einem Gegner die Schaffung sogenannter „schneller Fakten“. Dies gilt sowohl für Sabotageakte und gezielte Störmanöver als auch für das Ausnutzen von Überlastungssituationen. Entscheidend ist dabei nicht die schiere Masse, sondern die Glaubwürdigkeit, dass Deutschland in der Lage ist, innerhalb kurzer Zeit organisatorisch zu skalieren, Aufgaben effizient zu verteilen und kritische Knotenpunkte dauerhaft zu sichern.

Zweitens entsteht die Erfolgsverweigerung durch den sogenannten „Erholungseffekt“. Eine Gesellschaft, die sich rasch stabilisiert, macht hybride Angriffe weniger wirkungsvoll. RAND definiert gesellschaftliche Resilienz als die Fähigkeit, Krisen zu überstehen und die Handlungsfähigkeit wiederherzustellen („to recover from crisis“). Gleichzeitig wird eine breite gesellschaftliche Einbindung als Beitrag zur Abschreckung betrachtet, da sie eine „gesamtgesellschaftliche Unerschrockenheit“ signalisiert. Wenn nach Anschlägen, Extremwetterereignissen oder Störungen der Infrastruktur schnell Notbetrieb, Wiederanlauf und Krisendisziplin greifen, verlieren Störkampagnen und Erpressungsversuche ihren strategischen Nutzen. Der Gegner trifft somit auf ein System, das nicht zusammenbricht, sondern resilient reagiert und sich erholt.

Drittens fungiert der Wehrdienst als Signalinstrument – jedoch nur, wenn dessen Ergebnisse sichtbar und nachvollziehbar sind. Ein verbindlicher Wehrdienst kann ein starkes Signal dafür setzen, dass Deutschland bereit ist, die nationale Verteidigung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu organisieren. Insbesondere vor dem Hintergrund der in Deutschland historisch verankerten sicherheitspolitischen Zurückhaltung kann eine solche Entscheidung außenpolitisch als ein „Strategiewechsel hin zur Ernsthaftigkeit“ interpretiert werden – vorausgesetzt, sie bleibt nicht auf bloße Ankündigungen beschränkt.

Hiermit wird die zentrale Kontroverse deutlich: Eine gesamtgesellschaftliche Abschreckung erfordert Verbindlichkeit. Maßgeblich ist daher nicht die formale Bezeichnung („freiwillig“ versus „pflichtig“), sondern der verlässliche Output in den Bereichen Reserve, Übung und Krisenfähigkeit. Erzeugt ein freiwilliges Modell nicht die erforderliche Masse und Bindung, besitzt es im Rahmen unseres CDD-Modells keinen ausreichenden Abschreckungswert, da es im ungünstigsten Fall Erwartungen weckt, ohne diese durch tatsächliche Leistung zu erfüllen.

Optionen für die Bundesregierung

Option A – WDModG als Phase‑0 („conscription‑ready“, aber freiwillig):

Die Bundesregierung setzt das Wehrdienstmodernisierungsgesetz (WDModG) konsequent als Einstieg um: Der eigentliche Dienst bleibt zunächst freiwillig, während die Erfassung, der Fragebogen sowie die Musterung (für Männer) wieder verpflichtend eingeführt werden, um im Bedarfsfall eine schnellere Reaktion zu ermöglichen. Dieses Modell schafft vor allem Prozess- und Datenfähigkeit, indem es Auskunft darüber gibt, wer verfügbar, tauglich und motiviert ist, und kann kurzfristig die Rekrutierungsbasis erweitern. Die Schwäche des Modells im Bereich der kontinuierlichen Dienstpflicht (CDD) liegt jedoch im Signalcharakter: Ein Abschreckungseffekt entsteht nur, wenn die Freiwilligkeit verlässlich einen ausreichenden Durchsatz und eine Reservebindung gewährleistet. Andernfalls bleibt dieser Schritt nach außen zwar sichtbar, ist jedoch strategisch „unentschieden“, da eine tatsächliche Pflicht erst durch einen zusätzlichen politischen Beschluss eingeführt werden müsste.

Option B – „Trigger‑Pfad“: freiwillig starten, Verbindlichkeit vorab absichern (selektiv/Los):

Deutschland hält am freiwilligen Einstieg fest und definiert im Vorfeld unter parlamentarisch einwandfreien Bedingungen klare Kriterien, die festlegen, wann und in welcher Form bei Nichterreichung der Ziele auf verbindliche Maßnahmen umgestellt wird. Dies könnte beispielsweise durch eine selektive Einziehung unter den tauglichen Personen erfolgen, etwa mittels Auswahl oder Losverfahren, sobald die angestrebten Durchsatz- und Reserveziele nicht erreicht werden. Eine derartige Vorgehensweise ist in Europa nicht ungewöhnlich: Dänemark verwendet hierfür ein Losverfahren unter den geeigneten Personen. Für die CDD stellt dies einen wesentlichen Vorteil dar: Der Gegner erkennt nicht nur eine bloße Absicht, sondern einen glaubwürdigen und nachvollziehbaren Pfad zur tatsächlichen Mobilisierung von Masse und Reserven.

Option C – Gesamtverteidigungsdienst („militärisch + zivil“) als whole‑of‑society‑Baustein:

Deutschland verfolgt einen systematischen Ansatz, der Wehrdienst und gesellschaftliche Resilienz miteinander verknüpft. Neben dem militärischen Bereich, der Reserve, Heimatschutz und Unterstützung umfasst, wurde ein ziviler Bereich für den Krisenbetrieb und den Wiederanlauf etabliert. Dieser umfasst unter anderem Logistik, Instandsetzung, Sanitätsdienste, Kommunikation sowie Führung unter Stressbedingungen. Dieser Ansatz ist aus Sicht des CDD Models besonders überzeugend, da Resilienz hier nicht als abstraktes Konzept verstanden wird, sondern konkret als Fähigkeit zur Bewältigung und Erholung von Krisen operationalisiert wird. Gleichzeitig kann die gesellschaftliche Einbindung als ein Abschreckungssignal interpretiert werden, das ein umfassendes Engagement der gesamten Nation verdeutlicht. Der Vorteil dieses Modells liegt in seiner breiten Wirksamkeit unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges. Voraussetzung für den Erfolg ist jedoch eine klare Definition der Rollen, die Festlegung verbindlicher Standards sowie eine sorgfältig konzipierte Übungsarchitektur, um zu verhindern, dass ein Übermaß an Dienstleistung bei gleichzeitig unzureichender Abschreckung entsteht.

Option D – Verbindliche Wehrpflicht als Miliz‑/Reserve‑System (maximaler Denial‑Ansatz):


Deutschland führt eine verbindliche, gegebenenfalls selektive Wehrpflicht ein, die mit einer automatischen Reservebindung sowie regelmäßigen Übungen verknüpft ist, um durch einen garantierten Leistungsoutput eine abschreckende Wirkung zu erzielen. Diese Maßnahme sendet das stärkste Signal aus – vorausgesetzt, die Dienstzeit und die Tiefe der Ausbildung führen tatsächlich zu einer entsprechenden Kompetenzentwicklung. An dieser Stelle manifestiert sich die internationale Erfahrung besonders deutlich: Die Dauer des Dienstes erweist sich als entscheidender Faktor, exemplarisch illustriert durch die Verlängerung der Dienstzeit in Taiwan von vier Monaten auf ein Jahr sowie die mindestens zweijährige aktive Dienstzeit in Südkorea. Nur durch eine längere Verweildauer können fachliche Fertigkeiten (Proficiency) und Mentoring-Effekte entstehen, die eine umfassende gesellschaftliche Abschreckung und Verteidigung („whole-of-society deterrence and defense“) unterstützen. Gleichzeitig warnen Kritiker, etwa das Royal United Services Institute (RUSI), davor, die Wehrpflicht als alleiniges Mittel („single lever“) zu überschätzen: Ohne erhebliche Investitionen in das Ausbildungssystem, die Infrastruktur und die organisatorischen Strukturen kann ein Pflichtdienstmodell kurzfristig eher die Fähigkeiten binden als steigern. Kurze Dienstzeiten führen häufig zu einem unzureichenden Return on Investment.

Empfehlung: „Trigger‑Pfad“ zur verbindlichen Wehrpflicht + Resilienz‑Track

Ceylon Logica empfiehlt, das Wehrdienstmodernisierungsgesetz 2025 (WDModG 2025) ausdrücklich als Phase 0 einer umfassenden deutschen Strategie zur Abschreckung und Verteidigung der gesamten Gesellschaft („whole-of-society deterrence and defense“) zu betrachten. Ein freiwilliger Einstieg kann dann sinnvoll sein, wenn er innerhalb kurzer Zeit messbare Effekte hinsichtlich Durchsatz, Reservebindung, Mobilisierungsfähigkeit und Übungsrealität erzielt. Andernfalls fehlt der Abschreckungswert im Sinne einer „deterrence by denial“.

Vor diesem Hintergrund sollte die Bundesregierung frühzeitig einen parlamentarisch legitimierten Auslösemechanismus („Trigger-Pfad“) entwickeln, der bei klar definierten Zielverfehlungen oder einer verschärften Lage in eine verbindliche, selektive Wehrpflicht überführt – beispielsweise durch ein Auswahl- oder Losverfahren unter den Tauglichen. Es ist nicht zielführend, die Option der Wehrpflicht lediglich abstrakt „in der Hinterhand“ zu behalten.

Parallel dazu ist ein Resilienz-Track aufzubauen, der den Wehrdienst als Kompetenzgenerator für die Krisenbewältigung („recover from crisis“) operationalisiert. Dies umfasst Fähigkeiten in den Bereichen Krisenlogistik, Instandsetzung, medizinische Grundversorgung, Kommunikation sowie Führung unter Stress. Diese Kompetenzen sollten in Reserve- und Krisenstrukturen verankert werden.

Auf diese Weise wandelt sich der Wehrdienst vom reinen Rekrutierungsprojekt zu einem integralen Baustein der zivil-militärischen Krisenabwehr (CDD). Er erhöht die Fähigkeit zur Verweigerung des Erfolgs gegnerischer hybrider und konventioneller Angriffe, macht die gesellschaftliche Funktionsfähigkeit sichtbarer und stärkt das außenwirksame Signal deutscher Entschlossenheit – ohne dabei in Symbolpolitik oder rein militärische Detaildebatten abzurutschen.


Kurzfazit

Ein Wehrdienst trägt zur Stärkung der deutschen Abschreckung nur dann bei, wenn er als systemische Leistung fungiert: Ein verlässlicher Durchsatz, eine feste Reservebindung sowie eine geübte Krisenreaktion erhöhen die Erfolgsverweigerung (denial) und machen die „gesamtgesellschaftliche Abschreckung und Verteidigung“ für potenzielle Gegner sichtbar. Bleibt das Modell hingegen auf Freiwilligkeit ohne gesicherten Output beschränkt, entsteht vor allem Symbolik, die politisch präsent, strategisch jedoch wenig substanziell ist.

Erfüllt das freiwillige Modell in zwei aufeinanderfolgenden Messzyklen (beispielsweise Halbjahre) mindestens drei von sechs Indikatoren (Durchsatz, Reservebindung, Mobilisierungszeit, Übungsrealität, Resilienzkompetenzen, Wiederherstellungsleistung) nicht, so legt die Bundesregierung dem Bundestag unverzüglich einen Vorschlag zur Aktivierung einer selektiven Wehrpflicht (Auswahl oder Losverfahren unter den Tauglichen) sowie einen Plan zur Kapazitäts- und Übungsausweitung zur Entscheidung vor.

05.01.2026